Lucifer
- Margarita Gavrielova
- 11. März
- 3 Min. Lesezeit
In der ägyptischen Mythologie landete man nach dem Tod nicht sofort im Paradies. Erst wurde dein Herz gewogen. Gegen eine Feder. Wenn dein Herz schwer von Lügen, Ego, Betrug oder einfach von einem ziemlich schrägen Charakter war, wurde es von einem Monster gefressen. Game over. Wenn dein Herz leicht war, durftest du ins Paradies. Die Botschaft war simpel: Nicht was du behauptest zu sein zählt. Sondern was dein Herz wirklich ist.
Die Griechen waren noch nüchterner. Für sie war die Unterwelt einfach ein Ort, an dem Seelen ohne Sinn und große Hoffnung existierten. Ein ewiger Schattenzustand.
Auch im frühen Judentum gab es noch keine spektakuläre Hölle mit Dämonen. Alle landeten im Scheol, einem Reich aus Dunkelheit und Schlaf. Egal ob Held oder Idiot.
Erst später wurde die Hölle zum Ort der Strafe mit Feuer, Dämonen und ewiger Folter. Ein ziemlich effektives Marketinginstrument für Moral.
Aber psychologisch betrachtet ist das Bild viel interessanter. Denn wir benutzen das Wort ständig im Alltag.
„Ich bin durch die Hölle gegangen.“
Damit meinen wir Scheidung, Burnout, Verrat, Verlust uvm.
Die Hölle ist für uns also in Wahrheit ein Bewusstseinszustand.
Und fast jeder Mensch landet irgendwann dort.
Nicht, weil ein Gott ihn dorthin schickt. Sondern weil das Leben irgendwann den Moment bringt, in dem die alten Geschichten über dich selbst nicht mehr funktionieren.
Der Job, der Sinn geben sollte, fühlt sich plötzlich leer an.
Die Beziehung, die stabil schien, zerbricht.
Die Identität, die du dir aufgebaut hast, fühlt sich nicht mehr richtig an. Und plötzlich stehst du wie in einem dunklen Wald.
Du wolltest Freiheit und sitzt in einem Job, den du nicht einmal jemandem empfehlen würdest. Du wolltest Liebe und führst inzwischen eine diplomatische Beziehung voller passiv-aggressiver Kommentare.
Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre hatte dazu eine ziemlich unangenehme Erkenntnis:
„Die Hölle, das sind die anderen.“
Nicht weil Menschen böse sind. Sondern weil ihr Blick dich einfriert.
Sobald dich jemand anschaut, wirst du zum Objekt und Urteil
Du bist plötzlich nicht mehr frei.
Du bist der „Unzuverlässige, Komplizierte, Erfolgreiche oder Versager“.
Und egal, was du tust, du kämpfst plötzlich gegen diese Rolle.
Sartre beschreibt drei Menschen in einem Raum. Keine Folter und kein Feuer. Nur drei Menschen, die einander ansehen, bewerten. und spiegeln.
Und irgendwann sagt einer von ihnen:
„Jetzt verstehe ich. Das ist also die Hölle. All diese Augen.“
Das klingt dramatisch. Aber jeder kennt diese Situation.
Du sagst etwas im falschen Moment. Alle schauen dich an. Und plötzlich würdest du lieber im Erdboden versinken.
Oder du versuchst krampfhaft, allen zu gefallen. Und verlierst dich dabei komplett.
Auch das ist eine Form von Hölle.
Der Psychologe Rollo May sagte einmal:
"Der Therapeut heilt dich nicht. Er begleitet dich nur durch deine persönliche Hölle."
Denn jeder Mensch hat eine. Der eine kämpft mit Angst. Der andere mit Sinnlosigkeit. Der nächste mit Einsamkeit.
Das Problem ist nicht, dass wir Probleme haben. Das Problem ist, dass wir sie oft nicht sehen wollen.
Und genau hier wird es spannend: Viele alte Mythen erzählen dieselbe Geschichte. Der Held muss zuerst hinabsteigen in die Unterwelt, in die Dunkelheit, in das Chaos.
Nicht weil das Universum sadistisch ist. Sondern weil dort etwas liegt, das man an der Oberfläche nicht findet, und zwar Erkenntnis.
Carl Jung sagte:
"Kein Baum wächst bis in den Himmel, wenn seine Wurzeln nicht bis in die Hölle reichen."
Mit anderen Worten: Wenn du dich selbst wirklich verstehen willst, musst du irgendwann durch deine Angst, Wut, Neid, Zweifel, also deine eigene Unterwelt gehen.
Denn die Hölle ist nicht nur ein Ort des Leidens.
Manchmal findest du genau dort unten nicht dein Ende, sondern den Anfang deiner stärksten Version.
Danke Roman Gregori für deine spannende Interpretation des Teufels

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